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Inhalt und Thema eines Erzähltextes untersuchen – Textbeispiel: J. Schubiger „Grüßen“: Den Inhalt verstehen (1)
Jürg Schubiger: Grüßen
Wenn ich aus der Stadt ins Dorf zurückkomme, schreit meine Nachbarin „Schubiger!“ über den Weg, ohne „Herr“ und immer gleich laut, ob die Holzfräse ihres schwerhörigen Mannes läuft oder nicht. Ich winke erschrocken. Zu ihrem Gruß gehört dann die Frage: „Soo, bringen Sie schönes Wetter?“ Ich wusste lange nicht, was ich darauf antworten sollte. Jetzt rufe ich lachend zurück, mit einem Blick gegen Westen: „Ja, wenn’s nur anhält!“
So viel habe ich unterdessen gelernt. Bin ich aber dabei, den Garten umzustechen, und sie ruft herüber: „Soo, suchen Sie Gold?“ oder „Soo, verlochen1 Sie eine Katze?“ was soll ich dann entgegnen? „Nein, Ostereier“ oder „nein, ein Kamel?“ Ich finde keine Wendung, die der ihren gerecht wird. Wenn sie vor zwölf mit dem Motorrad vom Einkaufen kommt und ich mich erkundige: „Soo, gibt’s etwas Gutes?“ erwidert sie: „Nichts, gar nichts. Nur die Füße unter dem Tisch.“
Um mich zu rüsten, lege ich nun eine Sammlung von Grußformeln an. Ich freue mich auf den Augenblick, in dem ich ihr mit einem Kopfverband oder Gipsbein begegne und ihre Frage: „Soo, sind Sie aus dem Bett gefallen?“ schlagfertig mit „Nein, man hat mich hinausgeworfen“ beantworten kann. Ungeduldig warte ich auf einen Schwartenriss2 oder Beinbruch.
Quelle: Franz Hohler und Jürg Schubiger: Hin- und Hergeschichten, Nagel & Kimche, Zürich 1986
(Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Originaltext.)
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1 verlochen: (schweizerisch für) vergraben, begraben
2 Schwartenriss: Kopfplatzwunde
Lies den Text „Grüßen“.
Beantworte dann die Fragen zum Inhalt.
Wie viele Personen kommen im Text vor?