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Inhalt und Aufbau verstehen: Den Inhalt durchdringen (Kummer: Theater)
Tania Kummer: Theater
(1) Er braucht weder Lessing noch Kleist, ihm genügt ein Schwank. Er braucht kein Schauspielhaus, keine Schaubühne, die Turnhalle sagt ihm zu. In der Turnhalle wurde eine Bühne aufgebaut, davor stehen Festbank-Garnituren, linksgereiht und rechtsgereiht, ein breiter Mittelgang. Er ist der erste, der sich am Eingang der Turnhalle eine Eintrittskarte kauft, damit er ganz vorne sitzen kann. Die Kellnerin nimmt seine Bestellung auf – ein kleines Bier – und bringt es ihm umgehend. Als er bezahlen will, sagt sie: „Das ist doch nicht nötig. Zahlen Sie später, der Abend dauert noch lange.“
„Doch“, sagt er.
(2) Die Turnhalle füllt sich kurz vor 20 Uhr, zu seiner Freude füllt sie sich sehr. Das Stück beginnt mit einer Verspätung von zehn Minuten, die ihn nervös machen. Just nachdem die ersten beiden Darsteller die Bühne betreten haben, steht er langsam auf. Er geht zum Mittelgang, dreht den Rücken zur Bühne und bleibt einen Augenblick stehen. Als er sich sicher ist, daß ihn alle im Mittelgang stehen sehen und daß er einigen Zuschauern sogar den Blick zur Bühne versperrt, geht er gemächlich los, zieht so viel Luft ein, bis sein Brustkasten aufgeblasen ist. Der Boden unter seinen Füßen wird immer länger und breiter. Seinen Blick richtet er nicht auf die Leute, er schaut nach vorne, zur großen Türe, zur Uhr darüber, es ist 20:15, zurück zur Türe, im Halbdunkel macht er die Türklinke aus. Kurz bevor er die letzten Tische und Bänke passiert, drosselt er sein Tempo, geht in Zeitlupe, um das Gefühl der ungeteilten Aufmerksamkeit unverwechselbar in sich zu notieren.
zur Autorin:
Tania Kummer (geb. 1976) ist eine Schweizer Schriftstellerin.