Texte • Literaturgeschichtliche Epochen kennen • Literatur im geteilten Deutschland
Literatur im geteilten Deutschland: Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit und der 1950er-Jahre in Westdeutschland kennenlernen
Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit und der 1950er-Jahre in Westdeutschland
Hintergründe
Das Ende des Zweiten Weltkriegs markierte eine deutliche Zäsur. Der Krieg hatte ungeheure Opfer gekostet: an Leben, an Verletzungen von Körper und Seele, an Heimat bei den Vertriebenen. Hinzu kam in Deutschland das barbarische Verbrechen des Holocaust, der industrielle Massenmord an Juden und anderen Verfolgten und das zumindest latente Mitwissen der Bevölkerung, das Scham, Verdrängung und Verschweigen nach sich zog.
Es war das Gefühl eines völligen Kahlschlags, der „Stunde Null“. Es war aber genauso das Bewusstsein eines totalen Neuanfangs.
Die Zeit des Wiederaufbaus war geprägt durch die Herausbildung zweier deutscher Staaten, der BRD mit der Orientierung an den Westmächten und der DDR als sozialistischem Staat. Die Konfrontation der Siegermächte, der Kalte Krieg, spiegelte sich in Deutschland wie in einem Brennglas und führte teilweise zu einer neuen Frontmentalität.
Westdeutschland kam relativ bald wieder auf die Füße und erlebte das Wirtschaftswunder, das einen optimistischen Blick in die Zukunft erlaubte und ein neues Selbstwertgefühl gab. Die frühen 50er-Jahre waren weniger von einer grundlegenden Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit – viele Altnazis und Mitläufer saßen nach wie vor an den Schaltstellen – als von einem erschöpften Rückzug ins Private und Allgemeine geprägt.
Tendenzen der Literatur
- Als „Trümmerliteratur“ spiegelte die unmittelbare Nachkriegsliteratur die Traumata der Kriegserfahrungen und die Not der Gegenwart wider.
- Die Exilanten konnten zurückkehren, kamen aber in ein Land, das ihnen fremd geworden war. Literarisch hatten die Rückkehrer meist kaum Einfluss.
- Das Kriegsende war eine Befreiung von Zensur und Publikationsverboten. Die Autoren der inneren Emigration konnten jetzt wieder veröffentlichen.
- In Abkehr vom schnarrenden Pathos der Nazis und als Ausdruck der existenziellen Betroffenheit, Not und Sinnkrise etablierte sich das Stilideal der Nüchternheit.
- In der deutschen Literatur entfaltete sich die Kurzgeschichte als neue Gattung. Sie entsprach in ihrer Lakonie dem Stilideal der Zeit.
- Anfang September 1947 rief Hans Werner Richter die Gruppe 47 ins Leben, die in den folgenden Jahren regelmäßig tagte und zum prägenden Diskussionsforum der bundesrepublikanischen Literatur wurde. Leitend war das Verständnis einer kritischen Literatur.
Entwicklung der Gattungen
- „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ – dieser Satz des Philosophen Th. W. Adorno spiegelt die Debatte um die Nachkriegslyrik wider. Adorno wandte sich damit gegen die Tendenz zur Flucht aus der Wirklichkeit und der Schuld in die Naturlyrik.
Davon zu unterscheiden ist die hermetische Lyrik, die in extrem verdichteten, rätselhaften Bildern bewusst die Grenzen des Verstehens sprengt (Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs). Sie will Sinnbildungsanstrengungen der Leserschaft anstoßen und die Grenzen der Sprache ausloten – jenseits allen verbrauchten Jargons.
Daneben etablierte sich die Konkrete Poesie als sprachexperimentelle Lyrik. - Im Drama der 50er-Jahre dominierten die Schweizer mit zeitkritischen Stücken: Max Frischs Parabeln und Friedrich Dürrenmatts Spiel des Absurden. Das Hörspiel entwickelte sich als Gattung für das Massenmedium Radio.
- In der Epik wurde Kritik eher in Form einer Spieglung der Zeitumstände und ihrer Bedeutung für den Einzelnen laut: Elias Canettis „Die Blendung“ (schon 1935 fertig) ist eine Parabel auf die Hilflosigkeit der Intellektuellen; Wolfgang Koeppen zeichnet in seinen Romanen ein pessimistisches Gesellschaftsbild. Heinrich Böll hingegen stellt engagiert die Frage nach Schuld und moralischer Verantwortung.
b. Die frühen 1950er-Jahre in Westdeutschland waren vor allem durch eine intensive gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit geprägt. →
c. Die Trümmerliteratur thematisierte die Folgen des Krieges sowie die Not der Gegenwart. →
d. Die zurückkehrenden Exilautorinnen und -autoren hatten großen Einfluss auf die literarische Entwicklung der Nachkriegszeit. →
e. Nach 1945 entwickelte sich die Kurzgeschichte zu einer wichtigen literarischen Gattung in Deutschland. →
f. Die Gruppe 47 setzte sich für eine unkritische und rein unterhaltende Literatur ein. →
g. Das Stilideal der Nachkriegsliteratur war häufig von Nüchternheit und sprachlicher Zurückhaltung geprägt. →
h. Die hermetische Lyrik wollte durch leicht verständliche Sprache möglichst viele Leserinnen und Leser unmittelbar erreichen. →
i. Das Hörspiel gewann in den 1950er-Jahren als literarische Gattung an Bedeutung, weil das Radio ein wichtiges Massenmedium war. →
j. Heinrich Böll beschäftigte sich in seinen Werken unter anderem mit Fragen von Schuld und moralischer Verantwortung. →