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■ Einen argumentierenden Text in Einzelschritten überarbeiten: Fehler identifizieren
Thema der Erörterung: Erörtere die Position der Autorin, wonach die Kommunikation im Netz hinsichtlich der zwischenmenschlichen Verständigung zu einer Verarmung führt.
Wenn es dir hilft, kannst du unten den dazugehörigen Text Wo sind die Zwischentöne hin? von Cosima Schmitt lesen.
Überlege, welche Arten von Fehlern im folgenden Ausschnitt aus der Erörterung gemacht wurden. Wähle alle zutreffenden Antworten aus.
Ausschnitt aus der Erörterung (fehlerhaft)
Zunächst ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich in vielen digitalen Kommunikationskanälen die Tendenz zur Übertreibung und Zuspitzung bemerkbar macht, wodurch Nuancierungen in der Sprache flöten gehen. Es sind vor allem zwei Faktoren, die massgeblich zu diesem Phänomen beitragen: Zum einen hat man als Internetnutzer die Möglichkeit, anonym zu bleiben. Andererseits ist das Internet ein Massenmedium, weshalb man im digitalen Raum nur eine bzw. einer unter vielen ist.
Cosima Schmitt: Wo sind die Zwischentöne hin?
Cosima Schmitt
Wo sind die Zwischentöne hin?
(1) Es reicht nicht mehr, Babys süß zu finden. Alles unter „meganiedlich!!!“ gilt auf Facebook als Beleidigung.
(2) Ich kenne die Frau nicht. Ich habe sie nie gesprochen. Nicht ihre Katze vorm Lkw gerettet. Nicht ihr Geschäft vor der Pleite bewahrt. Ich habe ihr lediglich im Netz eine Kaffeedose abgekauft. Und doch gibt sie sich begeistert: „Alles superspitze!!!!!!!!! 1.000 Sterne für Dich!!!!!!!!!“.
(3) Das Internet macht uns zu Übertreibern. Viele tun so, als hüpften sie ständig vor Freude auf und ab. Wir erleben gerade, wie Soziale Medien zu Instrumenten der Wut werden. Es gibt aber auch das andere Extrem: eine Zuckerwattewelt der ständigen Verzückung. Smileys werden darin so wahllos verteilt, dass es selbst ihrem Erfinder zu viel wird: Sie „verschmutzen alle Kommunikationskanäle der Welt“, klagte unlängst der amerikanische Informatiker Scott Fahlman. Am meisten genutzt wird dabei laut einer Studie nicht etwa das grinsende Standardsmiley, sondern eins, das sich vor Lachen kaum halten kann und Freudentränen vergießt.
(4) Wer nicht als Griesgram gelten will, muss mitjauchzen. Alles unter „meganiedlich!!!“ gilt fast als Beleidigung. Ich will aber nicht jede struppige Katze bejubeln. Oder mir überlegen, wie ich diese Beutel für den Windeleimer lobe: „Tolle Passform“? – „Hauchzartes Plastik“? – „Die Windel hat sich sehr wohlgefühlt“? Ich will auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich ein Hotel als „okay“ bewerte, weil es eben genau das war. Wo sind die Zwischentöne hin? Die Abstufungen? Warum gebärden wir uns im Internet, als wären wir selbst alle Smileys?
(5) Das hat mit unserem Selbstbild zu tun. Wir gefallen uns in der Rolle eines Menschen, der sich generös mitfreut – an neuen Lovern, neuen Jobs, an Dschungeltouren und Foodies1 vom Sechs-Gänge-Menü. Selbst wenn wir gerade mit Butterbrot im Büro sitzen, hinter Aktenbergen schwitzen und eigentlich das empfinden, was Hanna Krasnova, Social-Media-Forscherin an der Berliner Humboldt-Universität, als eine Grundstimmung der Facebook-Nutzer ausgemacht hat: Neid. Es heuchelt sich leicht, wenn man dabei niemandem in die Augen schauen muss.
(6) Oft soll auch ein Wirgefühl herbeigejubelt werden. In Eltern- oder Haustierforen blüht der Kitsch: Da heißt der Embryo dann „Bauchzwerg“, gezeugt durch „herzeln“. Und der greise Hunderüde stirbt nicht, er „geht über die Regenbogenbrücke“. Eine Gemeinsamkeit – Mutter sein, einen Labrador halten – wird überbetont und emotional aufgeladen. Das kaschiert, wie fremd man sich sonst ist und im Grunde auch bleiben möchte.
(7) Klar, dass dabei gerade das Ausrufezeichen eine Netzkarriere hinlegt: Es ist die Dramaqueen unter den Satzzeichen. Es reicht ihm nicht, einen Satz einfach nur zu beenden. Es bläst sich auf. Schreit einen an, mal klagend, mal jauchzend. „Mit einem Ausrufezeichen macht ein Schreiber sich wichtig: ,Guck mal da! Ich verkünde dir etwas Großartiges!‘ Er möchte sich aus der Masse abheben“, sagt Ursula Bredel, die an der Uni Hildesheim über Satzzeichen forscht. Dieses Bedürfnis sei im Netz besonders groß. Denn da gehe der eigene Beitrag leicht in der Masse unter.
(8) Ich verstehe das gut; es nervt trotzdem. Ich werde nicht gern angebrüllt. Ich fühle mich veralbert, wenn mir jemand brisante News verspricht. Und dann nur mit „Frida hat Husten!“ aufwartet. Oder wenn ich denke: Der Absender ist zu faul, um griffig zu formulieren. So, dass seine Worte von sich aus Eindruck machen. Etwas läuft schief, wenn alle sich mit den gleichen Mitteln von der Masse absetzen wollen. Wenn manche Posts inzwischen mehr Ausrufezeichen als Buchstaben enthalten. Wenn nur noch das hysterischste Smiley wahrgenommen wird. Wer alles toll findet, kann nicht mehr gewichten. Wenn wir jeder Urlaubsbekannten virtuell um den Hals fallen – was bleibt für die enge Freundin? Wenn jeder lahme Eintrag „genial“ ist – wie zeigt man, dass einem etwas wirklich gefällt?
(9) Übertriebene Zustimmung an sich tut niemandem weh. Aber man erkennt die Ähnlichkeit zu den Exzessen der Ablehnung, die auch mit Ausrufezeichen gespickt sind. Hier wie dort drängen die Emotionen hart ans Ende der Skala, ohne Rücksicht auf die Folgen. Ein harmloser Fehltritt, und die Netzgemeinde schnaubt vor Zorn. Ein unbedachtes Eingeständnis, schon bricht der Shitstorm los. Die „Empörungsjunkies“, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sie nennt, sind wahrscheinlich dieselben Leute, die bei anderer Gelegenheit mit ihrer Begeisterung um sich werfen.
(10) Denn letztlich ist beides, Shitstorm wie Smileyflut, Ausdruck des gleichen Phänomens: dass wir uns im Netz schriller und lauter geben, als wir es im Büro oder auf einer Party wären. Dass wir Kulturtechniken missachten, die wir im realen Leben durchaus beherrschen. Wer sagt schon „Du Volltrottel!“ zum schusseligen Kollegen? Oder haucht dem Verkäufer einen Kussmund zu, bloß weil der einem gerade Socken in eine Tüte packt?
(11) Offenbar sind wir im Netz vor allem eins: überfordert. Wir mögen mit dem Smartphone längst Tisch und Bett teilen. Mehr Zeit in virtuellen Welten verbringen als auf dem Sportplatz oder im Café. Das heißt aber nicht, dass wir dem Medium gewachsen sind. Wir brauchen Augenkontakt, um zu spüren, wie unsere Worte wirken. Wie wir sie dosieren müssen, um andere zu erreichen, ohne ihnen auf die Nerven zu gehen.
(12) Da hilft es wenig, dass sich allmählich das Instrumentarium verfeinert. Dass selbst die Facebook-Macher ahnen, dass der „Like“-Button allein der komplexen Welt nicht gerecht wird (wer likt schon gern „Oma ist tot“) und nun sechs neue Symbole vom liebenden Herzen bis zum wutroten Gesicht testen. Solange wir nicht umdenken, verändert das allenfalls Nuancen.
(13) Vielleicht hilft es, sich daran zu erinnern, dass auch in der virtuellen Welt reale Menschen unterwegs sind. Wir sollten Leute nicht digital abknutschen, denen wir sonst kaum die Hand schütteln würden. Und Menschen nur Sätze schreiben, die wir ihnen auch ins Gesicht sagen würden. Wir sollten uns Zeit nehmen, bevor wir einen Kommentar, einen Tweet, einen Post absondern. Und nicht Sätze ins Netz werfen, die uns beim zweiten Durchlesen schon peinlich wären.
(14) Ich zumindest habe mir jetzt mehr Nüchternheit verordnet. Der guten Freundin schicke ich weiterhin „allerliebste Grüße“. Beim losen Bekannten tut es auch ein schlichter „Gruß“. Auch werde ich künftig öfter wieder zum Telefon greifen: Eine Stille Nacht, in den Hörer gesungen, ist allemal herzlicher als jede Smiley-garnierte Post.
uebertreibung-neid/komplettansicht, 23. 12. 2015, DIE ZEIT Nr. 52/2015
Anmerkung
1 Foodies: hier: meist mit dem Smartphone gemachtes Bild, auf dem Essen zu sehen ist